





Integration an Kultur- und SprachgrenzenEin zusammenfassender Bericht zur Tagung vom 4. / 5. Dez. 2002 in Biel organisiert von SAD (Swiss Academy for Development) und dem Forum für Zweisprachigkeit (Biel) von Ida Caneve, 30.4.03 Aus der EinladungDie Anwesenheit fremdsprachiger Kinder mit eigenem kulturellem Hintergrund in vielen Schulklassen der ganzen Schweiz fordert Behörden, Schulen, Gemeinden aber auch die Eltern heraus, Lösungen bereitzustellen, die sowohl die täglichen Probleme im schulischen Umfeld angehen, als auch langfristige Strategien und Perspektiven bieten. Eine spezielle Rolle bei diesem Kolloquium nehmen die zweisprachigen Orte Biel, Freiburg, Siders und Samedan ein. In welcher Hinsicht - positiv oder negativ - beeinflusst die Zweisprachigkeit die Integration? Haben es die Kinder von Zugewanderten in zweisprachigen Gebieten einfacher, wo sie zwischen verschiedenen Sprachen wählen können? Ab Ende Mai 2003 ist ein vollständiges Verzeichnis der Referentinnen und Referenten dieser Tagung im Internet einsehbar mit Abstracts der Referate und Bestellformularen für die detaillierten Referate unter www.bilinguisme.ch oder www. S AD.ch . In verschiedenen Referaten wurden zweisprachige Schulen, politische Massnahmen, Integrationskonzepte und Forschungsprojekte vorgestellt. Die Bedeutung der Zwei- und Mehrsprachigkeit in der Integration und vor allem die Zunahme dieser Bedeutung war der rote Faden in der zweitägigen Veranstaltung. EinstiegThomas Kessler aus Basel zeigte auf, wie diese Stadt mit rund 100 000 TagesmigrantInnen und jährlich 5000 Zuziehenden mit Schweizerpass und 5000 Zuziehenden aus 145 verschiedenen Nationen "als ein integrationspolitisches Labor im Herzen einer prosperierenden Region voller Kultur-, Sprach-, Landes- und Kantonsgrenzen" mit dem Thema Integration umgeht. Integrationspolitik ist in Basel ein prioritärer Teil einer erfolgreichen Kantonsentwicklung - ein wichtiger Standortfaktor. SchulenFranz Weissen stellte die zweisprachige (d/f) Schule in Siders vor, Stephan Hug diejenige (d/r) aus Samedan und Christine Müller die Quartierschule Schönberg (d/f) in Freiburg. An allen drei Schulen gibt es viele übereinstimmende Erfahrungen. Viele Eltern schicken ihre Kinder in eine zweisprachige Schule, weil sie ihnen dadurch im späteren Berufsleben grössere Chancen errechnen. Dabei spielt der Stellenwert der Sprachen eine grosse Rolle. Einige Eltern in Samedan hätten lieber, die Schule wäre zweisprachig Deutsch - Italienisch und nicht Deutsch - Rätoromanisch. Bei diesen drei Referaten blieben vor allem folgende prägnante Aussagen in Erinnerung: In Freiburg schicken die französischsprachigen Eltern ihre Kinder in die deutschsprachige Schule. Sie denken, ihnen so die Chancen zu erhöhen, da deutschsprachige Schulen methodisch und lehrplanmässig etwas moderner sind. Immer wieder entsteht eine Diskussion um Dialekt - Standardsprache! Die Pausen der deutschsprachigen und französischsprachigen Schulen im gleichen Schulhaus sind nicht zur gleichen Zeit! Im Oberwallis gibt es bereits ein paar Kindergärten, die freiwillig Standardsprache pflegen. In Siders lassen einsprachige Eltern Kinder oft in der andern Sprache einschulen um sie bilingue aufwachsen zu lassen. Dabei entsehen die gleichen Probleme bei der Einschulung wie bei Fremdsprachigen. Das Angebot der Randsprache Rätoromanisch braucht viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern. Integration ist in Samedan ein kleines Thema. Im Tourismus ist man gewohnt, sich den Fremden anzupassen. Als weiteres Schulungsprojekt stellte Filippo Jörg die Integrationsvorlehre im Kanton Tessin vor. Das Programm Pretirocino d'integrazione ist ausgerichtet auf spätimmigrierte Jugendliche und bietet ein breites, individuell gestaltbares Bildungsangebot kombiniert mit praktischer Betätigung im Arbeitsfeld. Integrationspolitische FragenIm Referat um schulpolitische Fragen von Markus Truniger aus Zürich fielen die folgenden klaren Statements besonders auf: Basis in den Migrationsfragen sind die Menschenrechte. Integration ist geglückt, wenn alle gleichen Zugang zu Bildung haben alle Personen als Individuen respektiert werden der soziale Zusammenhalt gewährleistet ist Zuständigkeit für Integration Integration ist eine Aufgabe der Schule (Bsp. von Quims-Projekten: Leseförderung, Elternabende, Vorlesenacht, Leben zu Hause mit KulturvermittlerInnen...) Integration ist eine Aufgabe der kommunalen und kantonalen Schulbehörden (Unterstützung der einz. Schulen, Reformen im System) Integration ist eine Aufgabe von Staat und Gesellschaft (kohärente Gesamtpolitik, Taten der Umsetzung, sachliche und öffentliche Debatten über Nutzen und Kosten der Migration) Regina Bühlmann von der EDK ging dem Thema nach, wie viele Sprachen die Schweiz spreche. Das Projekt Gesamtsprachenkonzept ist gescheitert, da die Kantone sich nicht auf eine Erstsprache einigen konnten. Die "Empfehlungen zur Schulung fremdsprachiger Kinder" wird von der EDK extrem gehütet! Ebenso ist ihr die Förderung des HSK-Unterrichts (nicht finanziell), der Elterneinbezug und die didaktische Anpassung des Unterrichts an die Heterogenität ein grosses Anliegen. Erfolgreiche Integration und gute Bildungschancen sind verknüpft mit erfolgreicher Elternarbeit, ebenso mit der sprachlichen Förderung im Vorschulalter. Da steckt wahrlich noch vieles in den Kinderschuhen. ForschungsprojekteBasil Schader aus Zürich stellte eine Untersuchung über die sprachliche Orientierung von kosovarischen SchülerInnen hier in der Schweiz und remigrierten SchülerInnen vor. Diese ging der Frage nach, inwieweit die SchülerInnen sich bewusst sind, wo man eher Hochdeutsch spricht, wann eher die Mundart gebraucht wird. Schülerinnen, in deren Wahrnehmung in der Schule mehr Hochdeutsch gesprochen wird, haben signifikant bessere Testleistungen erbracht. Schulsprache Hochdeutsch erhöht die selektionsrelevanten Orientierungskomponenten signifikant! Im Kanton Zürich kennen (je nach Gemeinde) Schweizerkinder erstaunlich viele albanische Wörter, am meisten Schimpfwörter! In seinem spannenden Referat "Mehrsprachigkeit ausländischer Jugendlicher im Übergang zur Lehre und zum Gymnasium - Vorteil oder Stolperdraht?" zeigte Romano Müller aus Bern den Mechanismus des besonders erschwerten Zugangs für ausländische Jugendliche zu den höheren Ausbildungsgängen der Mittelschulen und der anspruchsvolleren Lehrberufe. "Die Forschungsergebnisse lassen eine Art Präferentialismus vermuten, weil die monolingualen SchülerInnen selbst bei schlechteren schulischen Voraussetzungen dem bilingualen Ausländer vorgezogen werden. Dieser Präferentialismus schützt zwar die Interessen der autochthonen Gruppe, längerfristig aber werden dadurch die sozialen und ökonomischen Interessen des Staates unterlaufen." Zitate aus dem Referat: Gleicher Bildungserfolg für ausländische SchülerInnen = gelungene Integration! Folgestudie zu PISA: Innocenti-Studie: Wenn in der PISA - Studie bei allen untersuchten Ländern der Anteil auf 9% ausländische SchülerInnen reduziert wird, steht die Schweiz etwas besser da (ca. 4%). Das harte, selektive Verfahren wirkt sich negativ aus auf ausländische SchülerInnen. In Finnland schliessen ausländische SchülerInnen 4,7% schlechter ab als finnische. Interkulturelle Erziehung, die nur auf Achtung ausgeht, bietet noch keine Chancengleichheit. Bildungsreformen wirken sich positiv auf Majoritäten aus, Minoritäten haben das Nachsehen! Es fehlt nicht an Empfehlungen und Konzepten. Es fehlt am Handeln. Wenn es ums Handeln geht, vergessen die Bildungsdirektoren ihre eigenen EDK-Empfehlungen! In der CH-Schule haben jene SchülerInnen Erfolg, die die Sprache vor allem in der Schrift beherrschen. Selektion beruht auf monolingualem Habitus! KulturvermittlungHelen Lamontagne aus Biel stellte die Ausbildungsmodule für KulturvermittlerInnen im Kt. Bern vor. Die Kurse werden durch die Erwachsenenbildung finanziert. Sie bestehen aus zwei Modulen und enthalten die Themen Sprach- und Kulturvermittlung, Kommunikation, Auseinandersetzung mit Migration und Integration, Kenntnisse über Schulbereiche und Institutionen im Erziehungsbereich, Projekte im Bereich Berufswahl und Freizeitbeschäftigung.
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